Lang Lang – ein charismatischer Zauberer auf dem Klavier

Standing Ovations, begeisterte Kritiken – egal, wo er welches Werk zum Besten gibt, Publikum und Presse sind gleichermaßen hingerissen von Lang Lang. Dabei hat das in China geborene Ausnahmetalent am 14. Juni 2005 gerade seinen 23. Geburtstag gefeiert. Ein Shootingstar, der bereits jetzt als einer der weltbesten Pianisten gehandelt wird. Ein junger Mann, der als Jahrhundertpianist gefeiert wird – da ist es auch nicht verwunderlich, dass er schon heute auf ein außergewöhnliches Leben zurückblicken kann.

Und so beginnt die wundersame Beziehung Lang Langs zur Musik bereits vor seiner Geburt im Sommer 1982. Seine erste Begegnung mit weltbekannten Komponisten hat Lang Lang nämlich im Bauch seiner Mutter, die während der Schwangerschaft ständig Klassik hört. Dem Wunderkind wird das Gefühl für die ganz großen Töne quasi in die Wiege gelegt. Daran kann sich der Künstler selbst zwar nicht erinnern, aber dafür an ein späteres Ereignis. Im Fernsehen sieht der Zweijährige den Zeichentrickfilm „Tom & Jerry“, in dem der Kater die „Ungarische Rhapsodie“ von Franz Liszt auf einem Piano spielt. „Von diesem Moment an wollte ich nur noch eins: Klavier spielen“, erzählt Lang Lang. Seine Eltern nehmen den Wunsch des Filius ernst und investieren ein halbes Jahreseinkommen in ein Klavier. Die Mutter bringt ihm Notenlesen bei, Unterricht auf dem neuen Instrument gibt ihm zunächst der Vater. Ein Jahr später übernimmt ein professioneller Klavierlehrer die Ausbildung des kleinen Lang Lang. „Mein Vater beherrscht phänomenal die Erhu, die traditionelle chinesische Geige, aber er ist bis heute ein lausiger Pianist“, erklärt Lang Lang.

Die Entscheidung der Eltern ihr hochbegabtes Kind professionell ausbilden zu lassen, wird schnell belohnt: Als Fünfjähriger gewinnt Lang Lang seinen ersten Klavierwettbewerb zuhause in Shenyang, einer Stadt im Nordosten Chinas. Kurz darauf gibt er seinen ersten Klavierabend. In den nächsten vier Jahren übt der kleine Junge fleißig weiter. Da bleibt ihm wenig Freizeit. „Aber ich habe nicht viel vermisst und mir schon damals kein anderes Leben erträumt“, bekräftigt Lang Lang. „Ich ging wirklich schon als kleiner Junge im Klavierspiel auf.“ Dass sein Leben die Musik ist, scheint auch den Eltern bewusst zu sein. Und so fassen sie 1991 einen schweren Entschluss. Vater und Sohn verabschieden sich unter Tränen von der Mutter. Papa Lang Guoren gibt seinen Job auf und zieht mit seinem neunjährigen Kind nach Peking. Dort beginnt Lang Lang mit dem Klavierstudium am Zentralen Musikkonservatorium. Was jedoch anderswo so viel versprechend begann, scheint zunächst in Chinas Hauptstadt nicht zu gelingen. Die Lehrerin schmeißt Lang Lang wegen Talentlosigkeit aus der Schule. Vater und Sohn hausen in einem winzigen, unbeheizten Zimmer, das Bad teilen sie sich mit vier Familien – und beide wissen nicht, wie es weiter gehen soll. Erst ein Empfehlungsschreiben Lang Langs erster Lehrerin aus Shenyang wendet das Blatt. Der renommierte Professor Zhao Pingguo erklärt sich bereit, Lang Lang zu unterrichten. Dennoch dauert es einige Zeit bis sich der Neunjährige von dem Schock erholt. „Um ein Haar hätte ich alles hingeschmissen, doch dann beschloss ich, allen fortan zu zeigen, was in mir steckt“, meint Lang Lang.

Und das gelingt ihm. Von da an, geht es in riesigen Schritten die Karriereleiter hinauf. 1994 gewinnt der Zwölfjährige beim Vierten Wettbewerb für Junge Pianisten im deutschen Ettlingen nicht nur den ersten Preis, sondern er wird zusätzlich für seine künstlerische Leistung ausgezeichnet. Nur zwei Jahre später überzeugt Lang Lang beim Tschaikowsky-Wettbewerb für junge Musiker in Japan. Dort glänzt er in Begleitung des Moskauer Philharmonischen Orchesters mit Chopins Klavierkonzert Nr. 2.

Im gleichen Jahr begeistert der 13-Jährige im Pekinger Konzertsaal das Publikum als er alle 24 Etüden Chopins meisterhaft interpretiert. Prompt erhält der Teenager eine Einladung zum Eröffnungskonzert des China National Symphony Orchestra. Dort tritt er als Solist im September 1996 auf. Die Zuschauer, darunter sogar Präsident Jiang Zemin, sind hingerissen. Die TV-Ausstrahlung sorgt zudem dafür, dass seine Fangemeinde in China schlagartig wächst. In den folgenden Jahren avanciert Lang Lang in der Volksrepublik zum Superstar. Als der Virtuose seine Biographie veröffentlicht, wird ihm diese in China förmlich aus den Händen gerissen – das Buch stürmt die Bestsellerlisten. 1997 wechselt der junge Künstler von Peking nach Philadelphia. Am renommierten Curtis Institute of Music unterrichtet ihn Gary Graffman. „Er ist in den USA ein wahnsinnig berühmter Pianist und hat mich absolut fasziniert. Zudem ist Horowitz mein großes Vorbild und Graffman ist Horowitz-Schüler“, erzählt Lang Lang. In den ersten drei Jahren studiert der junge Musiker dort 37 Klavierkonzerte und 10 unterschiedliche Solo-Programme ein – und legt sich so ein riesiges Repertoire zu.

1999 ist das Jahr seines internationalen Durchbruchs. Lang Lang spielt für das Ravinia-Festivals in Chicago vor und hofft, in den nächsten Jahren dort auftreten zu dürfen. Doch schon am nächsten Morgen klingelt sein Telefon. Es ist Lang Langs große Chance. Er soll für den erkrankten André Watts einspringen. Und das tut er auch. Auf der „Gala of the Century“ des Ravinia-Festivals fliegen ihm die Herzen zu. In Begleitung des Chicago Symphony Orchestra legt Lang Lang mit Tschaikowskys 1. Klavierkonzert einen fulminanten Auftritt hin. Am nächsten Tag ist die Presse kaum noch zu halten. Die Chicago Tribune lobt ihn als „das größte und aufregendste Klaviertalent seit Jahren.“ Und kein geringerer als Daniel Barenboim meint später: „Wenn man für Begabung bestraft werden würde, bekäme Lang Lang lebenslänglich.“

Der aufgehende Stern am Pianistenhimmel strahlt immer heller. Lang Lang tritt seinen Siegeszug um den Globus an. Die deutsche Grammophon nimmt den Musiker als Exklusivkünstler unter Vertrag. Seine erste CD mit Klavierkonzerten von Tschaikowsky und Mendelssohn mit dem Chicago Symphony Orchestra unter Leitung von Daniel Barenboim erobert die Spitze der Klassikcharts. Nicht minder erfolgreich ist seine zweite CD, ein Live-Mitschnitt aus der legendären Carnegie Hall in New York, auf dem auch die chinesische Volksweise „Pferderennen“ zu hören ist. Ein amüsantes musikalisches Zwiegespräch zwischen Vater und Sohn – Lang Guoren auf der Erhu und Lang Lang auf dem Klavier. Dieses Album schafft sogar den Sprung in die deutschen Pop Charts. Unterdessen tourt Lang Lang um die Welt. Die Liste seiner Auftrittsorte wächst: New York, London, Salzburg, Paris, Wien, Philadelphia... Als erster chinesischer Pianist spielt er sowohl zusammen mit den Berliner Philharmonikern als auch mit den „Big Five“, den fünf renommiertesten amerikanischen Orchestern.

Eine kometenhafte Karriere – doch was ist eigentlich das Besondere an Lang Lang? Beeindruckend ist sein Fingerspiel, selbst anspruchsvollste Passagen scheint er mühelos und mit einer beeindruckenden Leichtigkeit zu bewältigen, heißt es unter den Kritikern. An technischer Fertigkeit fehlt es ihm nicht, Koordinationsprobleme scheint das Tastenwunder nicht zu kennen. So spielt der Pianist sogar mit links und rechts Tischtennis. Auch Autogrammkarten kann er mit beiden Händen unterschreiben, und wenn es schnell gehen soll, sogar gleichzeitig. Über die grandiose Fingerakrobatik hinaus gelingt es dem Virtuosen, Gefühle so mitreißend auszudrücken, dass er das Publikum unwiderstehlich in seinen Bann zieht. Allerdings stößt gerade seine ausdrucksstarke Körpersprache auch bei einigen Kritikern auf wenig Gegenliebe. Lang Lang meint: „Für mich ist Musik reine Kommunikation. Es ist ein wundervolles Dreieck, die Werke eines großen Komponisten im Zusammenspiel mit einem Orchester an das Publikum weitergeben zu können. So einzigartig und unwiederbringlich wie ein Kuss.“

Alle verlangen inzwischen nach Lang Lang – rund 150 Konzerte gibt der Jungstar im Jahr. Da bleibt zum einem wenig Zeit für Privates, zum anderen kann ein Künstler schnell die Bodenhaftung verlieren. Nicht so Lang Lang: Trotz vollem Terminkalender, findet er Zeit, sich um diejenigen zu kümmern, die weniger vom Schicksal begünstigt sind. „Seit ich 19 bin, frage ich mich, wie ich mein Talent und meine Zeit für Menschen nutzen kann, die nicht die gleichen Chancen haben wie ich.“ Eine Antwort hat er bereits gefunden. Seit 2004 setzt sich der Künstler als UNICEF-Botschafter für bessere Lebensbedingungen benachteiligter Jungen und Mädchen ein und trommelt auch mal in Afrika mit rund 100 Straßenkids bis tief in die Nacht.

Eine weitere Herzensangelegenheit ist es ihm, insbesondere den jungen Menschen klassische Musik nahe zu bringen. Und das könnte ihm sogar gelingen. Denn der charmante, junge Mann, der im dunklen Nappaledermantel wie ein Popstar wirkt, versteht es, die Sympathien der jungen Generation zu erobern. In China hat er es schon geschafft. Mit seiner jugendlichen Ausstrahlung hat Lang Lang dem etwas angestaubten Klassik-Ambiente neuen Glanz verliehen. „Wir müssen versuchen, die klassische Musik ganz frisch darzustellen, so als ob sie gerade entsteht. Viele sagen immer, warum soll ich diese Musik hören, die Komponisten sind schon seit 200 Jahren tot“, sagt Lang Lang. „Also müssen wir zeigen, dass diese großartigen Werke immer wieder spannend und neu sind.“

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